Was ich im Wahlkampf gelernt habe – ein ehrlicher Rückblick
Ich bin kein Berufspolitiker. Ich bin Unternehmer, Berater, Vater – und seit einem Jahr auch Kandidat. Dass ich diesen Text schreibe, ohne Abgeordneter zu sein, gehört zur Wahrheit dazu. Und wenn ich ehrlich bin: Es war knapper, als ich dachte, und lehrreicher, als ich erwartet hatte.
Dieser Text ist keine Hochglanzbilanz. Kein „Wir haben in Baden-Württemberg 4,4 Prozent erreicht und das ist ein Achtungserfolg". Sondern eine ehrliche Inventur. Was lief gut? Was lief falsch? Und was nehme ich mit – für die nächste Runde und für mich selbst.
Die Ausgangslage: Spätstarter mit Energie
Als ich im Mai 2025 zum Kandidaten gewählt wurde, hatte ich drei Dinge: ein klares liberales Profil, 25 Jahre Erfahrung im Mittelstand und null politisches Netzwerk. Ich war kein Kreisvorsitzender, der seit zehn Jahren Ortsvereine abklappert. Ich war der Neue, der sagte: „Ich will in den Landtag, weil ich als Unternehmer sehe, was schiefläuft – und weil ich glaube, dass mehr Leute mit Wirtschaftsverstand in die Parlamente gehören."
Im Rückblick: Die Idee war richtig. Die Umsetzung war ambitioniert.
Was gut lief
- Die Themen stimmten
Wirtschaft, Bildung, Sicherheit – das waren meine Kernthemen. Und sie trafen den Nerv. Immer. Egal ob bei der Liberalen Runde auf den Neckarwiesen, beim Mercosur-Abend in Weinheim oder an Infoständen in Schriesheim: Wenn ich erzählte, dass ich als Unternehmer mehr Zeit mit Formularen verbringe als mit Kunden, wurde genickt. Wenn ich erklärte, warum deutsche Datenschutz-Debatten uns im KI-Zeitalter lähmen, gab es Zustimmung – auch von Leuten, die nicht FDP wählen. - Die Liberale Runde war ein Volltreffer
Unser neues Format in Ladenburg – open air, offene Agenda, kein Podiumsgehabe – hat gezeigt: Politisches Interesse ist da. Die Leute kommen, wenn das Format stimmt. Sie wollen keinen Vortrag, sie wollen Austausch. Die Veranstaltungen waren meine beste Bühne, weil ich dort kein Kandidat war, der Flyer verteilt, sondern einer aus unserer Mitte, einer, der zuhört. - Authentizität schlägt Polit-Sprech
Ich spreche nicht in der dritten Person von mir. Ich sage nicht „die Menschen im Rhein-Neckar-Kreis", wenn ich meine Nachbarn meine. Diese Direktheit hat funktioniert. Mehrere Leute haben mir gespiegelt: „Man hört, dass du wirklich aus der Wirtschaft kommst, nicht aus dem Politikbetrieb." Das war kein Nachteil.
Was ich falsch eingeschätzt habe
- Sichtbarkeit braucht Vorlauf – viel Vorlauf
Ich bin im Mai gestartet. Viele Mitbewerber waren seit zwei Jahren im Wahlkampfmodus. Die hatten 50 Ortsvereine abgeklappert, bevor ich meinen ersten Instagram-Post machte. Im Rückblick war mein größter Fehler nicht die Botschaft, sondern die Zeit. Ein Jahr reicht nicht, um in einem Flächenkreis aus dem Stand heraus bekannt zu werden – es sei denn, man hat ein Budget, das ich nicht hatte. - Social Media: Man muss es wirklich wollen
Ich habe Instagram bespielt. Aber mit Unternehmer-Haltung: effizient, sachlich, nicht täglich. Das reicht nicht. Wer heute Wahlkampf macht, muss die Algorithmen füttern. Jeden Tag. Mit Video. Mit Persönlichem. Mit Reaction-Content. Ich habe unterschätzt, wie viel meiner Zeit das gefressen hätte – und ich habe mich nicht entscheiden wollen zwischen „ordentlicher Kandidat" und „Content-Maschine". - Die Partei allein gewinnt keine Wahl
Die FDP ist keine Volkspartei. Wir können uns nicht auf Stammwähler verlassen, die seit drei Generationen gelb wählen, weil der Opa das auch tat. Jede Stimme für mich war eine persönliche Entscheidung des Wählers. Das bedeutet: Der Kandidat zählt mehr als das Logo. Ich hatte das verstanden – aber die Konsequenz, dass 80 Prozent des Wahlkampfs Persönlichkeitswahlkampf sein muss, habe ich nicht konsequent genug durchgezogen. - Unterschätzt: Die Macht der lokalen Presse
Der Mannheimer Morgen, die RNZ, das Amtsblatt – das sind die Medien, die ältere Wähler tatsächlich lesen. Ich war dort präsent, aber nicht präsent genug. Die Berichte waren gut, aber drei Pressemitteilungen ersetzen keinen persönlichen Termin mit der Lokalredaktion. Die Journalisten wollen den Kandidaten sehen, nicht nur seine Positionspapiere.
Was bleibt – und warum das Projekt nicht vorbei ist
Ich habe keine Fraktionszugehörigkeit gewonnen. Aber ich habe etwas gewonnen, das schwerer zu messen ist: ein Netzwerk von Leuten, die liberal denken, aber bisher nicht liberal gewählt haben. Unternehmer, die mir beim zweiten Mal ihre Stimme geben würden. Junge Leute, die bei der Liberalen Runde zum ersten Mal gemerkt haben, dass Politik nicht Talkshow-Niveau sein muss.
Ich habe gelernt, dass Wahlkampf kein Sprint ist. Es ist ein Marathon!
Und ich habe gelernt, dass ich das kann. Nicht perfekt. Nicht beim ersten Anlauf. Aber die Richtung stimmt.
In diesem Sinne: Das Projekt geht weiter. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit offener Einladung. Bei der nächsten Liberalen Runde. Beim nächsten Mal auf dem Stimmzettel.
Und an alle, die mir ihre Stimme gegeben haben: Danke. Sie war nicht umsonst. Sie war ein Vorschuss, auf den ich eine Antwort geben werde!
Bis bald,
Christian