Der stille Exodus: Deindustrialisierung als Wohlstandsfalle – Warum Umverteilung nicht mehr reicht und der Weg nach vorn liberal ist
Die Zahlen, die Harald Müller von der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA) präsentiert, sind nicht nur alarmierend, sie sind ein seismisches Warnsignal für den deutschen Wohlstand. Über 100.000 angekündigte Stellenstreichungen allein in der ersten Hälfte des Jahres 2025, ein trauriger Rekord nach bereits knapp 70.000 verlorenen Industriearbeitsplätzen im Vorjahr, sind kein konjunkturelles Wackeln, sondern Symptome einer tiefgreifenden strukturellen Krise: der schleichenden, aber beschleunigten Deindustrialisierung Deutschlands.
Diese Entwicklung droht, das Fundament unseres Wohlstandsmodells zu erodieren – ein Modell, das zunehmend auf wackeligen Säulen staatlicher Umverteilung steht, während die produktive Basis schwindet. Wir stehen an einem Scheideweg. Die Bewältigung dieser Krise erfordert nicht mehr staatliche Intervention durch Umverteilung oder Lohnvorgaben, sondern eine Rückbesinnung auf die Prinzipien einer dynamischen Marktwirtschaft, wie sie die FDP konsequent vertritt.
Das Ausmaß des Exodus: Kein Einzelfall, sondern ein Systembruch
Die Aufzählung der betroffenen Unternehmen liest sich wie ein Who-is-Who der deutschen Industrie- und Dienstleistungsgiganten: Volkswagen (bis zu 35.000 Stellen), Deutsche Bahn (30.000), ZF, Thyssenkrupp, Audi, Siemens, Bosch, Continental oder auch SAP – die Liste ist lang und schmerzhaft. Müller weist zurecht darauf hin, dass dies nur die sichtbare Spitze des Eisbergs ist. Der stillschweigende Jobabbau im Mittelstand, die Investitionszurückhaltung und das Ausbleiben von Expansion am Standort Deutschland sind mindestens ebenso besorgniserregend. Die Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unterstreicht dies dramatisch: 44% der Industrieunternehmen planen für 2025 Stellenabbau. Die Industrieproduktion schrumpft seit 2018, energieintensive Branchen wie Chemie und Metallbau befinden sich laut Müller gar „im freien Fall“. Dieser Exodus ist kein Zufall, sondern das Resultat eines toxischen Cocktails heimischer Standortnachteile.
Die Wurzeln der Misere: Selbstverschuldete Standortschwäche
Müller entlarvt zutreffend die bequeme Ausrede, externe Faktoren wie US-Zölle oder Geopolitik seien Hauptschuld. Die wahren Übel liegen in Hausgemachtem:
- Exorbitante Energiepreise: Der selbstzerstörerische Ausstieg aus preiswerter und verlässlicher Kernenergie und heimischer Kohle, kombiniert mit einer unausgereiften und kostspieligen Energiewende, hat Deutschlands größten komparativen Vorteil – bezahlbare Energie für die Industrie – zunichte gemacht. Energieintensive Betriebe werden systematisch aus dem Markt gedrängt oder ins Ausland getrieben.
- Erstickende Bürokratie: Ein Dschungel aus Vorschriften, Genehmigungsverfahren (Müllers Beispiel der Bauämter ist symptomatisch) und Berichtspflichten bindet Ressourcen, lähmt Innovation und verlängert Planungs- und Bauzeiten ins Absurde. Die „bizarr-bürokratische Regulatorik“, die Müller auch im Digitalbereich kritisiert, ist ein systemisches Problem.
- Hohe Steuer- und Abgabenlast: Deutschland gehört zu den Hochsteuerländern. Dies schmälert Investitionsanreize, belastet Unternehmen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit und mindert die Attraktivität für hochqualifizierte Fachkräfte.
- Verschärfter Fachkräftemangel: Demografie, mangelnde Flexibilität im Bildungssystem und unattraktive Rahmenbedingungen führen zu einem eklatanten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, der Wachstum und Transformation hemmt.
- Wankelmütige Förder- und Industriepolitik: Kurzatmige Subventionsprogramme und ein Mangel an langfristiger, verlässlicher Strategie verunsichern Investoren. Das „Primat des Datenschutzes“ bei jedem digitalen Fortschritt, wie Müller es nennt, ist ein Beispiel für regulatorische Übervorsicht, die Innovation behindert.
Die Folge dieser selbstverschuldeten Schwäche ist ein dramatischer Kapitalabfluss (über 300 Mrd. Euro seit 2021) und ein Einbruch ausländischer Direktinvestitionen auf lächerliche 15 Mrd. Euro. Investitionen, die dringend für Modernisierung und Zukunftsfähigkeit benötigt werden, finden anderswo statt.
Die Illusion der Rettung durch Umverteilung und Mindestlöhne
Angesichts dieses massiven Schwunds an hochproduktiven, gut bezahlten Industriearbeitsplätzen scheint der Ruf nach staatlicher Umverteilung und höheren Mindestlöhnen verlockend. Doch dies ist eine gefährliche Illusion, die den eigentlichen Problemen nicht nur nicht begegnet, sondern sie langfristig verschärft.
- Schwindende Steuerbasis: Umverteilung setzt eine breite und wachsende steuerliche Basis voraus – genau diese schmilzt durch die Deindustrialisierung jedoch weg. Weniger Industrieunternehmen und hochqualifizierte, gut verdienende Beschäftigte bedeuten weniger Steuereinnahmen aus Körperschafts- und Einkommensteuer. Der Staat kann nicht dauerhaft umverteilen, was er nicht mehr einnimmt. Die Umverteilungsspirale wird zur Nullsummen- oder gar Negativsummenspiel: Immer weniger Erwirtschaftende sollen immer mehr Leistungen für immer mehr Empfänger finanzieren. Dies ist mathematisch und ökonomisch zum Scheitern verurteilt und führt unweigerlich zu höheren Schulden, noch höheren Steuern auf die verbliebene Basis oder drastischen Leistungskürzungen – allesamt Wohlstandskiller.
- Mindestlöhne als Jobkiller im Strukturwandel: Höhere Mindestlöhne erhöhen die Kosten insbesondere für arbeitsintensive Dienstleistungen und jene Teile des verarbeitenden Gewerbes, die noch nicht voll automatisiert sind. In einer Phase des erzwungenen Strukturwandels, in der viele Unternehmen ohnehin ums Überleben kämpfen und neue, weniger produktive Dienstleistungsjobs entstehen sollen, wirken sie wie eine zusätzliche Bremsklappe. Sie können den Abbau von Arbeitsplätzen beschleunigen oder die Entstehung neuer Jobs verhindern, besonders in strukturschwachen Regionen oder für geringqualifizierte Arbeitssuchende. Sie behandeln ein Symptom (geringes Einkommen) ohne die Ursache (mangelnde Produktivität, fehlende Qualifikation, schlechte Standortbedingungen) zu bekämpfen. Ein hoher Mindestlohn nützt wenig, wenn es den Arbeitsplatz gar nicht mehr gibt.
- Vernachlässigung der Ursachen: Der Fokus auf Umverteilung und Lohnpolitik lenkt politische Energie und Ressourcen von der dringend notwendigen Bekämpfung der eigentlichen Standortnachteile ab. Es ist ein Beruhigungsmittel, das die notwendige Operation am offenen Herzen der deutschen Wirtschaft verzögert.
Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft? Ein riskantes Unterfangen mit gravierenden Defiziten
Müllers Hoffnung, die Deindustrialisierung durch eine erfolgreiche Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft aufzufangen, ist verständlich, aber angesichts der deutschen Realität äußerst optimistisch. Die entscheidende Voraussetzung für eine hochwertige, wertschöpfende Dienstleistungsgesellschaft ist Digitalkompetenz – und hier liegt Deutschland, wie Müller eindrücklich beschreibt, meilenweit zurück:
- Mangelhafte digitale Infrastruktur: Unterversorgung mit schnellem Internet (Mobilfunklöcher in Großstädten, Funklöcher auf dem Land) und stockender Breitbandausbau sind ein nationales Armutszeugnis. Sie sind die Lebensadern digitaler Dienstleistungen.
- Digitalisierungsdesaster im öffentlichen Sektor: Das Beispiel des digitalen Personalausweises (nur mit persönlichem Amtsbesuch aktivierbar) ist nur die Spitze des Eisbergs. Die „Digitalferne in Amtsstuben“, insbesondere bei lebenswichtigen Prozessen wie Baugenehmigungen (durchschnittlich 3-6 Monate!), lähmt nicht nur die Verwaltung selbst, sondern vor allem die Wirtschaft, die auf schnelle Entscheidungen angewiesen ist. Nur 20% der Kommunen können digitale Bauanträge bearbeiten – eine Bankrotterklärung.
- Innovationsfeindliche Regulierung: Überbordende Datenschutzregeln und eine ängstliche, innovationshemmende Regulatorik für Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz (KI) verhindern, dass Deutschland in den entscheidenden Wachstumsfeldern der digitalen Dienstleistungswelt eine führende Rolle spielen kann. Hohe Energiekosten machen zudem den Betrieb von Rechenzentren, der Grundlage vieler digitaler Services, unattraktiv.
Eine Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft auf diesem Fundament gleicht dem Versuch, ein Hochhaus auf Treibsand zu bauen. Es droht nicht nur ein Verlust an industriellem Wohlstand, sondern auch das Scheitern beim Aufbau eines gleichwertigen digitalen Ersatzes.
Der liberale Weg: Mit der FDP die Standortfesseln sprengen
An diesem Scheideweg ist ein radikaler Kurswechsel notwendig. Es geht nicht um mehr Staat, sondern um einen schlanken, effizienten Staat, der die Rahmenbedingungen für Privatinitiative, Innovation und Investitionen optimiert. Hier liegen die Kernkompetenzen der FDP:
- Entfesselung durch Bürokratieabbau: Ein umfassendes, verbindliches Programm zum Abbau bürokratischer Hemmnisse mit klaren Reduktionszielen und einem „One-in, one-out“-Prinzip (für jede neue Vorschrift muss eine alte wegfallen). Vereinfachung und Digitalisierung von Genehmigungsverfahren („Digital First“ für alle Behörden).
- Energiewende neu denken: Bezahlbar, verlässlich, technologieoffen. Sofortige Abschaffung der EEG-Umlage in ihrer jetzigen Form, Streichung unnötiger Abgaben auf Energie und massive Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien durch pragmatische Planung und weniger Restriktionen. Ziel muss sein, international wettbewerbsfähige Energiepreise wiederherzustellen.
- Steuerliche Entlastung und Investitionsanreize: Eine grundlegende Steuerreform mit dem Ziel der Absenkung der Unternehmens- und Einkommensteuersätze, verbunden mit einer Vereinfachung des Systems. Entlastung des Faktors Arbeit durch Senkung der Lohnnebenkosten. Einführung einer attraktiven steuerlichen Forschungsförderung (z.B. verbesserter Forschungszulage).
- Digitale Souveränität durch Infrastruktur und Mut: Gigantisches Investitionsprogramm in flächendeckende, leistungsstarke digitale Infrastrukturen (Glasfaser, 5G/6G). Mutige, innovationsfreundliche Regulierung für Zukunftstechnologien wie KI und Datenwirtschaft, die Datenschutz nicht als Innovationsbremse, sondern als Vertrauensgrundlage versteht. Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung als Top-Priorität mit verbindlichen Zielen und ausreichender Finanzierung.
- Bildung und Fachkräfte: Flexibilität und Attraktivität. Modernisierung des Bildungssystems mit stärkerer Fokussierung auf MINT-Fächer und digitale Kompetenzen. Vereinfachung und Beschleunigung der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Attraktivierung des Standorts für internationale Spitzenkräfte durch bürokratiearme Einwanderungsverfahren und steuerliche Anreize.
- Verlässliche und marktwirtschaftliche Industriepolitik: Keine planwirtschaftlichen Subventionswettläufe, sondern klare, langfristige Rahmenbedingungen, die private Investitionen in Zukunftstechnologien (Wasserstoff, Batteriezellen, Halbleiter) attraktiv machen. Fokus auf Technologieoffenheit und internationale Kooperation statt auf nationale Alleingänge.
Fazit: Wohlstand neu denken – durch Schaffung, nicht durch Umverteilung
Die Zahlen der BWA sind ein Weckruf. Die Deindustrialisierung Deutschlands ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Fehlentscheidungen, die den Standort systematisch unattraktiv gemacht haben. Weiter so mit Umverteilung und Lohnpolitik führt in die Sackgasse: Eine schrumpfende Wirtschaftsleistung kann auf Dauer nicht umverteilt werden, ohne den Wohlstand für alle zu gefährden. Mindestlöhne können den Verlust hochproduktiver Industriearbeitsplätze nicht kompensieren.
Die Transformation, die vor uns liegt – sei es die Modernisierung der Industrie oder der Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Dienstleistungswirtschaft – braucht nicht mehr staatliche Gängelung, sondern mehr unternehmerische Freiheit, mehr Investitionen und mehr Innovation. Sie braucht eine Politik, die die Fesseln des Standorts Deutschland sprengt: Bürokratie abbauen, Energie bezahlbar machen, Steuern senken, Digitalisierung vorantreiben und Fachkräfte gewinnen.
Die FDP bietet mit ihrem klaren Bekenntnis zur marktwirtschaftlichen Ordnung, zu Entbürokratisierung, Steuerentlastung und technologischem Fortschritt den konsequentesten und realistischsten Fahrplan, um diesen notwendigen Wandel zu gestalten. Es geht nicht um die Rettung der alten Industrie um jeden Preis, sondern um die Schaffung der Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen – ob alt oder neu, ob industriell oder digital – in Deutschland wieder erfolgreich investieren, produzieren und hochwertige Arbeitsplätze schaffen können. Nur so kann der stille Exodus gestoppt und die Grundlage für zukünftigen Wohlstand gelegt werden. Wie Harald Müller richtig warnt: Es steht viel auf dem Spiel – unser Wohlstand, unser sozialer Frieden, letztlich unsere Demokratie. Die Antwort darauf kann nur mehr Markt und weniger Staat, mehr Freiheit und weniger Bürokratie, mehr Vertrauen in die Kraft der Innovation und weniger Glaube an die Allmacht der Umverteilung sein. Der liberale Weg ist kein einfacher, aber er ist der einzige, der nachhaltigen Wohlstand für die Zukunft verspricht.
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